Der Völkermord der Roten Khmer

Auch auf Reisen gibt es ernste Themen. So auch das des S-21 Museums (Tuol Sleng, nach der ehemaligen dortigen Grundschule benannt). Hier errichtete das radikal kommunistische kambodschanische Regime Angkar um Pol Pot in den 1970ern ein streng geheimes Foltergefängnis, welches seinesgleichen wohl nur in Hohenschönhausen oder Dachau sucht.

Als Besucher wird man durch die teils im Originalzustand belassenen Zellentrakte geführt, begleitet von vielen schockierenden Originalfotografien aus dem Jahre der Befreiung. An gewissen Stellen sieht man sogar noch Inschriften der Gefangenen oder gar Blutspuren.

Inhaftiert wurden alle Systemfeinde wie Doktore, Künstler, Lehrer, Forscher, Brillenträger uvm. Im Gefängis selbst sollte dann unter brutaler Folter (zu Nutze machte man sich unter anderen das aus Guantanamo bekannte Water Boarding) ein Geständnis erwirkt werden, dass den Verrat bestätigt und am Besten auch noch Freunde und Verwandte mit bezichtigt. Ein australischer Ingenieur „gestand“ in diesem Zudammenhang bspw. als CIA Agent Captain Dr. Pepper (eine Colamarke) zu unterstehen oder nannte als Komplizen Beatles Songs. Später wurden auch Wächter der Khmer selbst oder ursprüngliche Revolitionäre inhaftiert – bis dass das System vor Paranoia zusammenbrach, da jeder irgendwann jeden beschuldigte. Hierzu das damalige Motto:

Lieber aus Versehen einen Unschuldigen töten, als aus Versehen einen Feind zu verschonen.

Doch zur Folter gab es strenge Regeln:

Sterben durfte keiner durch die Folter, denn erst wenn es ein Geständnis gab und dieses der Gefängnisleiter Duch (Kaig Guek Eav) gesehen hat, wurde durch ihn das Todesurteil unterzeichnet. Wer während der Folter geschrien hat, bekam laut Regel Nummer 10: Extrafolter. Wer bei seiner Notdurft in einen Eimer nicht komplett getroffen hat, musste den Rest auflecken. Wer mit bis zu 10 Häftlingen angekettet ohne Erlaubnis aufgestanden ist, bekam Extrafolter. Wer sich im Schlaf gewendet hat und somit die Kette rasselte, auch. Falls es doch zu Todesfällen kam, wurde u.a. der verantwortliche Wächter selbst inhaftiert oder sogenannte „Ärzte“ versuchten den Patienten zu retten: mit einer viermonatigen Ausbildung spritzten sie einen als „Vitamin C“ bezeichneten Cocktail aus Mehl, Salz und Essig – richtige Ärzte waren ja schon alle inhaftiert oder ermordet.

Ausgezeichnet durch für totalitäre Systeme übliche akribische Dokumentation kann all das heute zu Tage gut rekonstruiert werden.

Zur Tötung wurden die Inhaftierten dann unter einem Vorwand ins 15km entfernte Choeung Ek transportiert – heute bekannt unter dem Namen Killing Field. Dort wurden die „Staatsfeinde“ dann, um teure Munition zu sparen, mit allen möglichen anderen Gegenständen, wie Äxten, Haken oder Palmwedeln umgebracht und in Massengräbern verscharrt.

Es bestätigten sich auch grausame Gerüchte über einen Killing Tree, gegen welchen die Wächter Babys vor den Augen der Mütter an den Füßen gehalten geschleudert und getötet haben. In der Dokumentation wird das als vor allem eines bezeichnet: äußerst effektiv.

Alles mit nur einem Ziel, dem Motto Pol Pots zu folgen:

Unkraut jätet man mitsamt der Wurzeln.

In diesen drei Jahren wurden so ca. 3 Millionen Kambodschaner vom eigenen Volk ermordet. Über 20.000 allein in dem von mir besuchten Killingfield. Bevor die roten Khmer herrschten, lebten an die 8 Millonen Menschen im Land.

Nach der Befreiung und Errichtung einer neuen Regierung mit Hilfe der Vietnamesen, wurde diese vom Westen lange nicht anerkannt, sodass die roten Khmer sogar noch Sitze in der UN erhielten, während im Land selbst immer mehr Massengräber ausgehoben wurden.

Die Prozessierung der Verantwortlichen zog sich bis weit in die 2000er.

Doch am Ende steht nun ein ehrenwertes Mahnmal, das nie vergessen werden darf.

PS: alles nach bestem Wissen und Erinnerung der Tour – falls es jemand besser weiß, bitte melden.

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